The long way back

1066Weiter Richtung Süden unterwegs.
Schnell noch bei den Kollegen im Café 1066 kurz hinter Robertsbridge vorbei geschaut, dann kommen auch schon die Kanal-Küste und die Fähre in Sicht.
Im Hinterkopf weiter die Nachwehen der Wahl. Es herrscht ein unglaubliches Durcheinander und fast jeder glaubt, dass die Konservativen bald über Theresa May herfallen werden. Und dann würde im Herbst wieder neu gewählt. Wie zwischendurch noch die Brexit-Verhandlungen durchgezogen werden sollen, weiß kein Mensch.
Wie gesagt: Alles wilde Spekulationen und Verschwörungstheorien. Aber nichts ist zu abenteuerlich, dass es nicht ernsthaft und ausführlich in BBC 5 Radio diskutiert wird.
Aus einem Kommentar der New York Times: “Populism was to blame for Brexit, right? Wrong. It was all the elite’s fault,”
Wenn man in den TV-Nachrichtensendungen sieht, mit welcher unfassbaren Arroganz einige Torie-MPs nach dieser krachenden Niederlage auftreten, kann man dieses New Yorker Fazit nur unterschreiben. Es wird immer noch behauptet, das das UK in den kommenden Verhandlungen in einer starken Position sei, und den Europäern die Bedingungen des Brexit quasi diktieren könne. It’s a very special isolation, sometimes, somewhere.
Britain bleibt jedenfalls spannend und unterhaltsam.

Prinz Philip, dapper duke

Ein Tag zum Durchschnaufen auf dem Weg Richtung Heywood. Das liegt bei Manchester und ist Partnerstadt von Peine. Ich schaffe es bis Buxton, einer kleinen Bäder-Stadt in Derbyshire nahe am Peak District National Park. Die Fahrt dahin: ein Traum aus Hügeln und Kurven.
Je näher Manchester kommt, desto grauer und geduckter werden die Ortschaften. Das ist working-class-Gebiet, nicht allzu weit weg fing die Industrielle Revolution an, und „Manchester-Kapitalismus“ ist immer noch ein Begriff für übelste Ausbeutung. Die Industrie-Vergangenheit der Gegend ist spürbar, nicht zuletzt an den Wahlkampf-Schildern. Es gibt nur Labour und zwischendrin den ein oder anderen Liberaldemokraten. Die Konservativen existieren hier nicht.
Lieblingstitel heute ist trotzdem eindeutig die konservative „Times“. Zum einen wegen der weiter steigenden Wahl-Nervosität, vor allem aber wegen des unglaublichen Fotos des 95jährigen Prinz Philip beim Besuch einer Wohltätigkeitsveranstaltung. „Dapper duke“ nennt ihn die Times – eleganter Herzog. Wohl wahr.
Und zur Wahl: Nach der letzten Umfrage beträgt der Abstand zwischen Tories und Labour nur noch drei Punkte. Es wird richtig spannend im Vereinigten Königreich.

1. Times

Heute in der Times: Theresa May bittet um Vertrauen, und Prinz Philip ist die Eleganz in Person.

2. Buxton1

Der Kurpark in Buxton – schöne kleine Bäder-Stadt.

3. Gartenhaus

Und dann war da noch das most lovely private Gartenhaus ever.

Gallery

Talk with Marcus Fysh, Abgeordneter der Konservativen im Unterhaus

Fysh-and-me2

Me and Mr. Fysh at the Guildhall at Chard.

Erste Partnerstadt, erster Tag vor Ort – und gleich wird’s hochpolitisch. Termin in Chard mit Marcus Fysh, konservativer Unterhausabgeordneter und zur Zeit Wahlkämpfer. Er erläutert mir eine Stunde lang seine Sicht des Brexit. Er hat für „Leave“ (Austritt aus der EU) gekämpft und ist überzeugt, dass die Briten die richtig Entscheidung getroffen haben. Der 47-Jährige ist Parlamentsmitglied seit 2015 und bewirbt sich jetzt im Wahlkreis South Somerset um seine Wiederwahl. Er ist eingebunden in die Brexit-Verhandlungen, die den zukünftigen gegenseitigen Handel betreffen. Und er ist sehr optimistisch: „Beide Seiten haben ein Interesse an guten Beziehungen. Deswegen werden die Verhandlungen hart aber erfolgreich sein.“

Chard ist eine Kleinstadt mit rund 12.000 Einwohnern. Wenig Industrie, wenig historische Gebäude und deswegen kein touristischer Magnet. Im Wesentlichen besteht der Ort aus einer Hauptstraße, die von der Guildhall mit Uhrenturm dominiert wird. Viele kleine Läden, viele Immigranten aus Polen und Portugal (es gibt allein zwei polnische Lebensmittel-Läden), ein kleiner See am Stadtrand, und viel südenglische Landschaft drumrum. Größter Sohn der Stadt: John Stringfellow, der 1848 mehrere Dampf-Motorflugmodelle konstruierte und erfolgreich testete. Deswegen der stolze selbst verliehene Titel „birthplace of motor aviation“.

Und zum besseren Verständnis hier noch ein paar erklärende Zeilen zu Bildern.

1. Mit Marcus Fysh (rechts), seiner Wahlkampfmanagerin und dem Lokalredakteur Oliver Palmen im Café.
2.So machen Kirchen in England Werbung für sich: Kaffee und freies Internet.
3. This is England: Pets pantry in der Pig Lane und daneben gleich „Great looking hair“.
4. Die Hauptstraße, Fore Street.
5. Die Guildhall, das markanteste Gebäude der Stadt.
6. Der Parlaments-Kandidat Marcus Fysh
7. Marta aus Südpolen lebt sein 13 Jahren in Chard und führt einen der polnischen Lebensmittel-Läden. „Das Geschäft läuft gut.“
8. Paul aus Bristol hat sich am Chard Lake seit zwei Tagen zum Angeln niedergelassen.
9. Marcus Fysh mit Oliver Palmen